„Sind alle jetzt narrisch worden?“, würde sich der typische Bayer fragen. Da plaudert Angela Merkel auf eine Veranstaltung kurz über ihre eigene Meinung zum Thema Ehe unter Gleichgeschlechtlichen und schwupps, binnen Tagen haben wir eine „historische“ Abstimmung darüber im Deutschen Bundestag.

Wie historisch ist diese Abstimmung? Wie historisch ist das Ergebnis überhaupt? Und vor allem wie weitreichend ist das Ergebnis? Brauchen wir die Ehe für alle wirklich? Wäre das gleiche Ergebnis nicht auch auf anderem Wege möglich gewesen?
Ja, es stimmt.  Schwule und Lesben waren und sind immer noch gesellschaftlichen  Diskreminierungen ausgesetzt. So ganz anerkannt ist es doch noch nicht. Es macht immer noch einen Unterschied, ob sich ein Mann und eine Frau auf der Straße küssen, oder zwei Männer, zwei Frauen. 
Ziel der Ehe für alle ist es nach dem Antrag im Bundestag, Diskriminierungen von gleichgeschlechtlichen Paaren abzubauen.  
Gleichgeschlechtlichen Paaren ist bis heute die Ehe verwehrt, was eine konkrete
und symbolische Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identi-
tät darstellt“, (Deutscher Bundestag Drucksache 18/8, 18. Wahlperiode, 23.10.2013)
Hier und da wird man immer noch die einen oder anderen älteren oder auch jüngeren Leute finde, die das „wider die Natur“ finden. Das ist nicht schön, aber die Wirklichkeit. Muss man sich also mit einer Ehe für alle wirklich diesen Leuten anbiedern? Bei diesen Leuten hat sich die Ehe zwischen Mann und Frau als einzig möglicher Verbindung so tief eingegraben, das man es auch durch die „Ehe für alle“ nicht ändern. Ist es überhaupt nötig, deren Vorurteile zu ändern, sie zu überzeugen? Ich meine, nein. Das ist eben der Meinungspluralismus. Diese Leuten hatten sich schon an die „eingetragene Lebenspartnerschaft“ gewöhnen müssen, ein Konkurrenzprodukt zur klassischen Ehe aus ihrer Sicht. Nun wird ihnen auch das Letzte noch genommen. Erreichen wir so nicht genau das Gegenteil? Einen neuen Grund für neuen Hass. 
Davon abgesehen, wäre es nicht sinnvoller gewesen, es über einen Volksentscheid zu lösen? Dann hätte man die wissen können, wie die Bevölkerung darüber befindet, nicht nur die Abgeordneten aus Berlin, die auch wie der Grünen-Abgeordnete Volker Beck ganz persönliche Ziele mit der Abstimmung verfolgt. Ein Volksentscheid hätte es verhindert, neue Ressentiments zu schüren. Gegen Lesben und Schwule, gegen die Politiker aus Berlin. So wird es sicher bald wieder von reaktionärer und rechtsradikaler Seite heißen: „Mal wieder die da oben, in Berlin. Wir werden gar nicht mehr gefragt. Widerstand!“
Ehe für alle – Spießigkeit für alle?
War es nicht immer das erklärte Ziel von uns Homosexuellen, anders zu sein? Wollten wir nicht gerade für dieses „Anderssein“ Akzeptanz? War nicht „Andersrum ist richtig rum“ eines der Mottos des CSDs in der Vergangenheit? Warum ist es uns plötzlich so wichtig, wie die Mehrheitsgesellschaft zu leben, unter den gleichen Labeln, mit den gleichen Ritualen unsere Zusammengehörigkeit zu besiegeln? Hatten wir nicht schon alles erreicht mit der „eingetragenen Lebenspartnerschaft“. War dieser letzte Schritt wirklich nötig? Und vor allem , warum ist es uns als Lesben und Schwule plötzlich so wichtig, auch Kinder haben zu dürfen. Kann das Zusammenleben nicht auch ohne Kinder glücklich sein? 
Was jetzt noch zur perfekten Spießigkeit fehlt ist der Wohnwagen auf dem Campingplatz, das Vorzelt, das Stiefmütterchen-Beet und die Gartenzwerge. Dann sind wir tatsächlich alle homo , homo spiesiensis, gleich spießig.