Andreas Stadler

Freier Lektor und Autor

Jeder kann Kanzler

Ich habe mir wie viele andere auch die Sendung „klartext: Frau Merkel“ angesehen. Aus der Sendung habe ich eigentlich nur eines mitgenommen:  Jeder kann Kanzler. Es ist wie beim Auto- oder Fahrradfahren: Wer es einmal gelernt hat, verlernt es nicht mehr. Mit vorausschauendem Fahren Staus und Gefahren (Fragen des Publikums) weiträumig umfahren; und wenn es nicht weitergeht, einfach umdrehen.  Einzige Regel: Geschickt um den Wähler herumfahren, ohne ihn dabei umzufahren.

Die Antworten, die das Publikum dann bekommt wirken wie höfliche Bezeugungen, dass man den Frager wahrgenommen hat nach asiatischem Stil. Hier bedeutet „Ja“ erstmal  nur, dass man den Frager gehört hat.. Eine höfliche Geste nach dem Motto: „Vielen Dank für den Hinweis, wir werden gleich eine weitere Kasse eröffnen.“ 
Die Frage ist nur, brauchen wir solche Politiker? Gerade in Zeiten der Unsicherheit müssten auf klare Fragen, klare Antworten gegeben werden können. Selbstverständlich will man sich auf nichts festlegen lassen, falls der Wind sich nach der Wahl  doch dreht.  Aber das ist eigentlich nicht, wofür der Wähler seine Stimme abgab. 
Der Kanzlerin-Herausforderer Martin Schulz schaffte zumindest noch eine andere nette Geste. Er suchte bei jeder Frage die Nähe zu den Menschen und setzte sich immer direkt neben den Frager. Da musste der Tonmann schonmal mit der Ton-Angel beiseite rücken, wenn Martin kommt. Diese Geste der Menschlichkeit sparte sich die sonst so menschliche Merkel.
Zugegeben, ein- oder zweimal ist es nett und erfrischend heimelig, aber dann ist auch gut. Martin Schulz hat es während der Sendung „Klartext: Herr Schulz“  bis zur Erschöpfung betrieben. Ob es geholfen hat, wird man am 24.9 sehen. Er schaffte zumindest meist in den Antworten konkreter zu bleiben als Angela Merkel. Das ist schon mal was. Aber bisher nur eine kleine Abweichung vom gewohnten : „Wir schaffen das.“ 
So heißt es dann: Jeder kann Kanzler. 
Ganz gleich, wer die Bundestagswahl gewinnt, Merkel oder Schulz, der Wähler, der am 24.9 den Parteien seine Stimme gibt, hat bessere Antworten verdient. Ja, er hat es verdient, dass ihm eine Frau Merkel oder Herr Schulz klipp und klar sagt, was sie in den nächsten vier Jahren vor hat.  Seine Stimme ist nicht  der Vorschuss für Wohlfühl-Antworten, sondern ist die Forderung für: „Kümmert euch, löst das Problem.“ Unkonkrete Antworten nach vier Jahren sind nichts, womit sich der Wähler zufrieden geben sollte. Ansonsten kann eben jeder Kanzler. Auch der Wähler, er muss nur nen Führerschein haben.

Weidel geht, Scheuer dreht

Da Sprache die tägliche Arbeit des Korrektors ist, interessiert mich auch besonders das, was nicht gesagt wird. Beim Duell vom 5.9 „wie geht’s deutschland“ im ZDF verlies AFD-Spitzenkandidatin Alice Weidel überraschend das Fernsehstudio. Anlass war eine Äußerung von Andreas Scheuer (CSU) über Flüchtlinge, ohne Aufenthaltsberechtigung in Deutschland. Diese sollen nach Scheuer künftig in Deutschland bleiben können, wenn sie hier bereits eine Beschäftigung oder Ausbildung begonnen haben. Empört darüber verließ Weidel das Studio, die Zuschauer klatschten, die Anwesenden der übrigen Parteien rückten näher zusammen. Auch zwei Tage danach beschäftigt die Medien dieser Moment.. 

Doch was hier völlig untergegangen ging: Die CSU hat anscheinend ihre Forderung nach einer Obergrenze und weiterer Abschiebemaßnahmen komplett aufgegeben aufgegeben. Das ist eine Wende um 180 Grad und keiner hat es bemerkt. Das müsste eigentlich genügend Stoff für einen Sturm der Entrüstung innerhalb der Union sein. Bisher ist davon aber weit und breit nichts zu lesen. War es ein Versprecher Scheuers? 
Sicher aber war er froh, dass Weidel ging und nicht weiter nachbohren konnte. Fest steht, weder Weidel noch Scheuer wird der Auftritt einen großen Nutzen gebracht haben. Die Zuschauer wissen nun, dass Alice Weidel sich nicht immer Griff hat und (wer es gemerkt hat) Andy Scheuer mal eben in bester Merkel-Mannier Änderungen am eigenen Wahlprogramm vornimmt und froh ist, wenn’s keiner merkt. 
Wir haben’s aber doch gemerkt. Ätsch!

Christian Lindner und was ihm fehlt.

Hamburg, 1.September. Hotel Atlantic: Die Bühne im großen Saal ist leer.  Manche wirken, als hätten sie sich für einen Abend in der Oper oder ein Klavierkonzert zurechtgemacht, auch ich bin darunter, aus Neugier. Aber nicht Lang-Lang hat hier gerade ein Konzert gegeben, sondern der alte und neue Spitzenkandidat der FDP, Christian Lindner (Foto: Mitte).

Foto: Andreas Stadler

Die Gelben sind wieder da. Zumindest, wenn es nach Lindner geht. Mittlerweile aber in einem Mix aus blau, knalligem pink und dem gewohnten Gelb. Farbpsychologisch nicht unbedingt die beste Kombination.
Lindner hat hier gerade das neue Wahlprogramm seiner Partei vorgestellt, und natürlich sich selbst. Jetzt wird er umringt von Journalisten und Parteianhängern. Gerade noch hat er in seiner Rede sich über die Selfies der Kanzlerin lustig gemacht. Selfies mit Parteianhängern sind ihm jetzt willkommen.
Seine Rede war gewohnt geschliffe und eigentlich war auch alles dabei:  Innovation, Automobilbranche, Wirtschaft, Finanzen und Europa. Ja, richtig leidenschaftlich wirkte er hier.  Er lobte Macrons Reformen im Arbeitsrecht. Dieser steht aber gerade deswegen unter Beschuss. Auch das Thema Flüchtlinge fiel bei ihm nicht unter den Tisch, kam aber zuletzt.  Migranten sollen in Zukunft nach einer genauen Prüfung der Qualifikation nach Deutschland kommen. entscheiden.
Klingt gut, ist aber nichts Neues. Drittstärkste Kraft will die FPD werden, das ist das jedenfalls das Ziel von Lindner. Die Umfragen scheinen ihm Recht zu geben. Die Forschungsgruppe Wahlen sieht am 1. September die FDP bei 10%. Doch noch immer fehlt diesem Spitzenkandidat und seiner neuen alten Partei etwas:
Ein ausgeprägtes Interesse an allen Menschen, an allen Wählern. Die FDP war und bleibt eine Klientelpartei. Der Status „Arbeitslos“ fehlt bei den Angaben zur eigenen Person in den Aufnahmeanträgen, die überall in Klappkärtchen auf den Tischen liegen. Auch ist der Mindestbeitrag um 5 Euro höher als z.B. in der SPD. Neu sind bei der FDP nur die Farben.
„Wir werden bestimmt wieder Fehler, aber nicht die gleichen“, sagt Lindner zum Schluss. Großes Gelächter und Applaus im Saal. Mit diesen humorvollen Worten beendet er seine Rede. Einen hat er jetzt schon gemacht.

The age of coffee in the morning

Sie kennen es sicher, als Erwachsener, als Jugendlicher so um die 14-16 Jahre. Man braucht einfach etwas am Morgen, etwas mehr als nur die morgendlichen Sonnenstrahlen, die durchs Fenster aufs Gesicht scheinen und vielleicht noch die schwerliche Motivation, dass das ein schöner Tag wird. Ohne Kaffee (oder starken Tee) geht es nicht. Ohne kann man nicht klar denken, ist nur ein halber Mensch. Dann ist es soweit, dann ist man wohl erwachsen, dann hat man den Schritt getan, dann gehört man dazu, zur Mehrheitsgesellschaft, die sich von Kindergetränken wie Kakao oder Saft verabschiedet hat. Jetzt einen schnellen starken Kaffee und einen kleinen Bissen vom Croissant, oder auch nur einen kleinen Keks, getunkt in den heißen Kaffee oder Tee. Die Hälfte der Menschen auf der Welt begeht so allmorgendlich den Tag, besonders in den beliebten Mittelmeerländern. Die gelten den Deutschen ja Rückzugsgebiet für die Regenration, gesunde Küche, gesundes Leben, Neuerfindung und Selbstfindung. Nun bin ich also auch dort angekommen. Ohne starken Kaffee (oder Tee) geht es nicht mehr. Schlimm? Nein. Im Gegenteil: Willkommen im Leben. Und bloß nicht entkoffiiniert!

Quasselstrippen und Wasserwerfer

„Wann ist ein Mann?“, fragte schon Herber Grönemeyer in seinem bekannten Lied. Wann also ist der Mann ein Mann. Dass Stereotype Vorstellungen vom Mann-Sein existieren, ist seit langem klar. Sie prägen das Bild vom Mann in den Medien. Die Bilder in den Medien gehen über in den  Alltag. Wir meinen, ein Mann ist stark, muskulös, hart, konsequent, verwendet wenig Worte. Wenn also ein Mann sich mehr Worte beim Sprechen bedient als nötig, widerspricht diesem Bild. Gilt er dann noch als Mann? Viele meinen, ein Mann wirke dann unsicher. Stimmt das? Zu den folgenden sprachpsychologischen Überlegungen brachte mich ein Gespräch mit einem Bekannten über Unsicherheit und worin sich diese körperlich beim Menschen äußert.

Man kann sich fragen, warum verwendet jemand viele Worte, um einfache Sachverhalte zu vermitteln? Politiker kleiden recht einfache Sachverhalte in viele Worte, weil damit verschiedene Interessen verbunden  sind, verschiedene Gruppen sollen gleichzeitig angesprochen werden, niemand soll sich ausgenommen fühlen, vor allem nicht die Wähler, aus den Worten sollen keine direkten Forderungen ableitbar sein, ungünstige Fragen umgangen werden. Unsicherheit soll aus dem Sprechakt eliminiert werden. In Wirklichkeit wird aber so deutlich, dass Unsicherheit dien Sprechakt beherrscht. Wenn man viele Worte in einem einfachen Sachverhalt verwendet, kann zurecht also unsicher bezeichnet werden. Nicht hingegen aber bei vielen Worten bei komplizierten Sachverhalten. Doch natürlich ist ist dies nicht geschlechterabhängig. Auch eine Frau, die viele Worte bei einfachen Sachverhalten verwendet, kann zurecht als unsicher bezeichnet werden. Anlass für die vielen Worte ist häufig die eigene Unkenntnis über den Sachverhalt, den man mit den vielen Worten zu überdecken versucht. Vergleichbar mit dem Staub, der aufgewirbelt wird,  um  die plötzliche Flucht zu verschleiern. Man macht sich aus dem Staub. Der Staub, die vielen Worte dienen der Verschleierung dieser Flucht. Plötzlich ist man weg, aus dem Augen verschwunden, eben war Mann noch, doch jetzt ist man weg.  Von jetzt auf gleich und keiner hat’s gemerkt. Nur viele Worte wurden gehört, aber übrig bleibt nichts.
Was sind dann also sogenannte Quasselstrippen? Landläufig bezeichnet man Leute als Quasselstrippen, die gerne und viel reden. Angeblich wollen sie sich in den Vordergrund spielen, sie wollen immer die Bühne beherrschen, wollen im Rampenlicht stehen. Doch mit den o.g. Überlegungen sind diese Individuen eher als unsicher zu bezeichnen. Sie verwenden unzählig viele Worte, reden viel, um viel Staub aufzuwirbeln, um sich hinter diesen Worten zu verstecken, um hinter ihnen zu verschwinden. Man ist also nicht wie oft angenommen offen, expressiv und extrovertiert, sondern genau das Gegenteil. Man steckt hinter einem ständigen Schutzwall von Worten. Man ist scheinbar mitten auf der Bühne, im Rampenlicht und doch versteckt. Hinter einer Maske, einer Wortmaske. Man redet viel, doch will gleichzeitig nicht die Verantwortung für das Gesprochene übernehmen. Man redet um des Redenswillen; damit ein wichtiger Kontakt nicht abbricht, weil man den Abbruch nicht ertragen könnte;  damit der Hörer nicht die Gelegenheit bekommt nachzufragen, nichts würde man mehr fürchten. 
Männliche Quasselstrippen mögen in der Realität selten sein. Doch es gibt sie, auch nicht so selten. Wo sie auftreten, werden sie kontakarieren sie unser Bild vom Mann, das sich so durch Medien eingegraben hat in das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft: Die Figuren des Schauspielers Clint Eastwood, James Bond, Rambo, Schimanski. Sie alle verwendeten wenig Worte für das Gesagte. Einfache Sätze reichten, oft nur Halbsätze, um das Gesagte zusagen und sich selbst zu skizzieren. Natürlich ist ebenso klar, dass auch ihr Einsatz von Waffen für das Erreichen von Zielen eine Unsicherheit beweist. Wer nicht reden kann, wer keine Argumente mehr hat, der gebraucht den harten Weg, den Weg der Waffe, oder auch wie am letzten Wochenende in Hamburg auf dem G20-Gipfel gesehen, den Wasserwerfer.  
Auch hier, auch wenn es ein legitimes Mittel der Verteidigung und Ordnungswiderherstellung darstellt, ist ein Wasserwerfer nichts anderes als viele Werfer, eine Waffe: es ist eine Kapitulation gegenüber friedlichen Demonstranten. Die Polizei in Hamburg sah sich machtlos, argumentslos gegenüber den vermummten Demonstranten. Wo Argumente fehlen, müssen Waffen her. Auch hier ist eine gewisse Unsicherheit der Polizei deutlich spürbar gewesen. Dieser sollte genau aber durch die Wahl der Mittel verdeckt werden.  Mal sind es viele Worte, mal ist es viel Wasser, die den Nebel erzeugen, hinter dem man verschwinden will.

Chaos G20 als trojanisches Pferd – Details übersehen?

Zu den Krawallen am vergangenen Freitag, Samstag und Sonntag ist schon so gut wie alles geschrieben worden – und alles hört sich irgendwie gleich an. Ist vielleicht etwas übersehen worden? 

Als ich mir am frühen Samstag Abend selbst ein Bild von der Lage im Schanzenviertel machte, fielen mir ein paar Details auf, die in den Berichten untergingen. 
Viele, oder die meisten Ladenbesitzer im Schulterblatt und Umgebung hatten ihre Fenster mit einem kleinen Schild versehen: „NO G20, spare our shop“, war dort immer wieder zu lesen.
Anders als die Fernsehbilder es vielleicht vermittelten, war bei Weitem nicht jedes Geschäft von eingeschlagenen Scheiben betroffen.
Ist es vorstellbar,, dass die Randalierer vielleicht nur diejenigen Geschäfte demolierten, die kein solches Pappschild vorsorglich hatten? 
Wenn ja, war die blinde Zerstörungswut gar nicht so blind, sondern absolut zielgerichtet. Die Frage ist dann, warum sich Geschäfte wie IKEA und Budnikowski dem nicht angschlossen haben?
G20 – Merkels trojanisches Pferd an Scholz?
Die Rücktrittsforderungen gegen Oberbürgermeister Olaf Scholz kommen hauptsächlich von der Opposition in Hamburg, der CDU. Seltsam dass aber genau Wunsch nach einem Gifpeltreffen in Hamburg genau von dieser Opposition kam, und zwar von der Chefin persönlich, Angela Merkel.
Hier drängt sich eine kleine Verschwörungstheorie auf: 
Ist es vorstellbar, dass Angela Merkel genau wusste, dass es zu solchen Schwierigkeiten kommen würde? Dass nicht alles so glatt ablaufen würde, wie geplant? Hatte Angela Merkel also Scholz Imageschaden kaltschnäuzig einkalkuliert, als sie ihn im letzten Jahr um die Ausrichtung des G20 bat? Ihm quasi ein „trojanisches Pferd“ verkaufte? Wenn ja, hatte sie ein Motiv? Ja.
Immerhin war Scholz bis zum Auftreten von Martin Schulz heiß gehandelter Kandidat gegen Frau Merkel. Zum Zeitpunkt der Absprache war recht klar, dass Sigmar Gabriel nicht Kanzlerkandidat werden würde, Martin Schulz war noch nicht auf der Bühne und Scholz freute sich großer Beliebtheit in der SPD. Er gilt als ruhig und besonnen. Mehrfach kursierten Gerüchte, er würde gegen Merkel antreten. 
Wer sich die Bilder von vorherigen G20-Gipfeln in Torronto ansieht, hätte wissen können, dass so weit kommen würde, wie es kam. 
Dass zwischendurch die SPD Sigmar Gabriel gegen Martin Schulz austauscht, konnte sie nicht ahnen. Aber da waren die Verträge schon unterzeichnet, die Planungen für G20 in Hamburg schon im Gange, und vielleicht hat sie Martin Schulz auch nicht als echte Bedrohung für sich gesehen. Ihr Ziel war ihr großer Gegner, Olaf Scholz, der jetzt in der Hamburger Bürgerschaft Rede und Antwort zum Ausmaß der Gewalt stehen muss. 
War es so? 

Die neue Ehe von damals

Nun gibt es sie: Die Ehe für alle, nun auch in Deutschland. Ja, die Ehe für alle kann helfen durch die begriffliche Gleichstellung, Diskriminierungen gegenüber Schwulen und Lesben im Vorfelde abzubauen. Auch wenn Anfeidungen, Spott und Hähme nicht ganz verschwinden werden, so können nun  gleichgeschlechtliche Partnerschaften und überhaupt gleichgeschlechtliche Sexualität als normaler empfunden. Sie haben nicht länger den Sonderstatus.  

Allerdings kommt die Ehe für alle  eigentlich zu spät, in eine Zeit, in der die „Ehe“ sowieso an Bedeutung verloren hat. Wer betreibt außer bibeltreuen evangelikalen Christen schon noch die Enthaltsamkeit vor der Eheschließung. Wirklich, tatsächlich, und nicht nur im Versprechen bei der ersten Vorstellung des zukünftigen Bräutigams vor den streng-katholischen Schwiegereltern in spe. So wechseln Hetero-Ehe und Homo-Ehe also die Plätze. Was die einen schon mehr und mehr aufgeben, es als abgetragen im Kleiderschrank hängen lassen, entdecken die anderen nun plötzlich für sich neu als das pure Glück. Ein Second-Hand-Laden der Traditionen. Aber so war es schon immer mit neuen Trends.  Irgendeiner gräbt was Altes aus und verkauft es als brandneu.
Und auch um die Politik an dieser Stelle nicht ganz zu vergessen. Die SPD feiert sich im Moment selbst für ihren gelungenen Coup. Ja, das war ein starkes Stück und es ist verdient. Aber: im Kontrast zu meiner eigener Partei, der SPD: Es wäre besser gewesen die Ehe für alle aus der Bevölkerung her entscheiden zu lassen. Ein Volksentscheid, so wie auch in anderen europäischen Ländern über dieses Thema abgestimmt wurde. So hätte man auch die heterosexuelle Mehrheit in diesem Lande mitnehmen können. Doch so wirkt es, als wäre mal wieder von oben herab abgestimmt.  Zum Teil von Abgeordneten, die selbst davon betroffen sind. Wasser auf die Mühlen von rechtsnationalen Parteien. Mal wieder aus Berlin, mal wieder von oben.  

Ehe für alle – Wahnsinn!

„Sind alle jetzt narrisch worden?“, würde sich der typische Bayer fragen. Da plaudert Angela Merkel auf eine Veranstaltung kurz über ihre eigene Meinung zum Thema Ehe unter Gleichgeschlechtlichen und schwupps, binnen Tagen haben wir eine „historische“ Abstimmung darüber im Deutschen Bundestag.

Wie historisch ist diese Abstimmung? Wie historisch ist das Ergebnis überhaupt? Und vor allem wie weitreichend ist das Ergebnis? Brauchen wir die Ehe für alle wirklich? Wäre das gleiche Ergebnis nicht auch auf anderem Wege möglich gewesen?
Ja, es stimmt.  Schwule und Lesben waren und sind immer noch gesellschaftlichen  Diskreminierungen ausgesetzt. So ganz anerkannt ist es doch noch nicht. Es macht immer noch einen Unterschied, ob sich ein Mann und eine Frau auf der Straße küssen, oder zwei Männer, zwei Frauen. 
Ziel der Ehe für alle ist es nach dem Antrag im Bundestag, Diskriminierungen von gleichgeschlechtlichen Paaren abzubauen.  
Gleichgeschlechtlichen Paaren ist bis heute die Ehe verwehrt, was eine konkrete
und symbolische Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identi-
tät darstellt“, (Deutscher Bundestag Drucksache 18/8, 18. Wahlperiode, 23.10.2013)
Hier und da wird man immer noch die einen oder anderen älteren oder auch jüngeren Leute finde, die das „wider die Natur“ finden. Das ist nicht schön, aber die Wirklichkeit. Muss man sich also mit einer Ehe für alle wirklich diesen Leuten anbiedern? Bei diesen Leuten hat sich die Ehe zwischen Mann und Frau als einzig möglicher Verbindung so tief eingegraben, das man es auch durch die „Ehe für alle“ nicht ändern. Ist es überhaupt nötig, deren Vorurteile zu ändern, sie zu überzeugen? Ich meine, nein. Das ist eben der Meinungspluralismus. Diese Leuten hatten sich schon an die „eingetragene Lebenspartnerschaft“ gewöhnen müssen, ein Konkurrenzprodukt zur klassischen Ehe aus ihrer Sicht. Nun wird ihnen auch das Letzte noch genommen. Erreichen wir so nicht genau das Gegenteil? Einen neuen Grund für neuen Hass. 
Davon abgesehen, wäre es nicht sinnvoller gewesen, es über einen Volksentscheid zu lösen? Dann hätte man die wissen können, wie die Bevölkerung darüber befindet, nicht nur die Abgeordneten aus Berlin, die auch wie der Grünen-Abgeordnete Volker Beck ganz persönliche Ziele mit der Abstimmung verfolgt. Ein Volksentscheid hätte es verhindert, neue Ressentiments zu schüren. Gegen Lesben und Schwule, gegen die Politiker aus Berlin. So wird es sicher bald wieder von reaktionärer und rechtsradikaler Seite heißen: „Mal wieder die da oben, in Berlin. Wir werden gar nicht mehr gefragt. Widerstand!“
Ehe für alle – Spießigkeit für alle?
War es nicht immer das erklärte Ziel von uns Homosexuellen, anders zu sein? Wollten wir nicht gerade für dieses „Anderssein“ Akzeptanz? War nicht „Andersrum ist richtig rum“ eines der Mottos des CSDs in der Vergangenheit? Warum ist es uns plötzlich so wichtig, wie die Mehrheitsgesellschaft zu leben, unter den gleichen Labeln, mit den gleichen Ritualen unsere Zusammengehörigkeit zu besiegeln? Hatten wir nicht schon alles erreicht mit der „eingetragenen Lebenspartnerschaft“. War dieser letzte Schritt wirklich nötig? Und vor allem , warum ist es uns als Lesben und Schwule plötzlich so wichtig, auch Kinder haben zu dürfen. Kann das Zusammenleben nicht auch ohne Kinder glücklich sein? 
Was jetzt noch zur perfekten Spießigkeit fehlt ist der Wohnwagen auf dem Campingplatz, das Vorzelt, das Stiefmütterchen-Beet und die Gartenzwerge. Dann sind wir tatsächlich alle homo , homo spiesiensis, gleich spießig.

Schöner schwanger.

Schöner schwanger

Liebe Leser,

heute bin ich beim Spaziergang mal wieder über eine deutsche „Sprachperle“ gestolpert. (Keine Sorge, ich habe mir nichts getan:))
Dieser schöne Schriftzug schmückte ein Bekleidungsgeschäft in Norden Deutschlands.
Kann man auch weniger schön schwanger sein? Kann man auch hässlich schwanger sein? Muss man überhaupt schön sein, wenn man schwanger ist?

Hat er Brunnen gesagt oder nicht?

In den letzten Wochen gab es eine hitzige Diskussion über eine Dokumentation über Anti-Semitismus im Nahen Osten, aber auch in Europa und Deutschland. Eine in Auftrag gegebene Dokumentation sollte plötzlich nicht gesendet werden. Der auftraggebene Sender ARTe verweigerte die Annahme des Endprodukts. Der WDR sendete a 21.6 dann doch den Film, allerdings mit eingeblendeten Anmerkungen. Am Donnerstag gab es eine Disksussionsrunde darüber im Rahmen des Grimme-Preises. 

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/video-umstrittene-tv-doku—diskussion-ueber-antisemitismus-100.html

Über die Kommentare vom WDR zur Sendung wunderte ich mich schon sehr, hätte aber nie gedacht, dass das tatsächlich Gegenstand der Runde wird. Docheiner der Teilnehmer hatte sich die Mühe gemacht und die WDR-Kommentare zu checken und brachte eine Liste mit in die Runde. Tatsächlich wurde darüber diskutiert, ob der Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas sich eindeutig antisemitisch äußerte und tatsächlich von Brunnenvergiftung sprach, sich einem uralten Mythos und Vorurteil bediente. Jörg Schönenborn warf ein, Abbas hätte ja gar nicht „Brunnen“ gesagt und meinte wirklich damit einen Punkt zu machen. Ist es nicht unerheblich, ob jemand tatsächlich das Wort Brunnen nennt, wenn er behauptet, die Israelis hätten das Wasser vergiftet – ebenso wie im uralten Mythos? Ist es tatsächlich erst dann antisemitisch, wenn er „Brunnen“ und „Vergiftung“ in einem Satz sagt?
Eine Frage stellt sich hier: Wie viel Sinn machen Diskussionsrunden im Fernsehen tatsächlich?

Seite 1 von 4

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén